Zu Gast bei Ahmad Omeirat

Ahmad Omeirat zeigt mir seine Heimatstadt Essen. Stundenlang rollen wir mit unseren Rädern durch die Straßen der lebendigen Metropole. Immer wieder müssen wir anhalten, denn alle, so will mir scheinen, kennen diesen netten Mann und möchten gern einige Worte mit ihm wechseln. Okay, Ahmad Omeirat ist Stadtrat in Essen, aber ich habe nicht geahnt, dass ein Stadtrat eine so begehrte Persönlichkeit sein kann.

Und er ist ein exzellenter Reiseführer. Durch ihn lerne ich interessante Orte kennen. Aber was das Beste ist: er stellt mir unzählige Menschen vor, die mir niveauvolle Gespräche schenken. Allen ist gemeinsam, dass sie – wie auch Ahmad Omeirat – zur Gruppe der libanesischen Bürgerkriegsflüchtlinge gehören. Vor etwa 30 Jahren wehte sie die Flucht vor dem Tod nach Essen. Ahmad Omeirat war damals 2 Jahre alt. Geboren in Beirut, ist Essen heute seine Heimatstadt. Ich lerne, dass diese Flüchtlinge durch seltsame Verwaltungslogik in zwei Gruppen gespalten wurden. Die einen haben lange schon einen deutschen Pass und können daher inzwischen auf ein erfolgreiches Berufsleben zurückblicken. Und die anderen unterliegen einer jahrzehntelangen Duldung, die alle drei Monate amtlich erneuert werden muss. Das gilt auch für ihre Kinder. Was das für die Betroffenen im Lebensalltag bedeuten, wird mir erst nach und nach klar.

Seit 24 Jahren betreut Afif Allouche eine gemütliche Teestube, aber noch nie, so betont er, sei ein Streifenwagen zu Besuch gekommen. Wieso betont er das? Weil einige der Anwesenden leidliche Erfahrung in Sachen Behördenkummer haben. Ich höre ein, zwei, drei Lebensgeschichten mit jahrzehntelangen Kettenduldungen, mit Arbeitsverboten und der Auflage, NRW nicht zu verlassen. Ein Mann hat vier Kinder, die wiederum besitzen alle einen deutschen Pass, aber ihm wird er weiterhin verweigert. Mir schwirrt der Kopf – was für ein gigantischer bürokratischer Aufwand, um diese kruden Situationen von Amtsseite aufrecht zu erhalten. Alles wird mir ruhig und sachlich vorgetragen, doch am Ende machen mich die Schilderungen depressiv. Zum Glück reicht man mir ein schmackhaftes Citrus-Mousse und ich lerne Raschid Moussa kennen, einen renommierten Sänger libanesischer Folklore. Danach geht’s weiter zu Cheikmous Omeirat. Schon seit 15 Jahren betreibt der sympathische Mann eine Fleischerei. Sichtbar für alle wird die Ware zubereitet. Der kleine Laden floriert enorm, ständig kommen neue Kunden. Es sind nicht nur Menschen, die arabisch sprechen, auch Schwarzafrikaner sind darunter oder Juden.

Schließlich besuchen wir eine Shisha-Bar. Zum letzten Mal war ich 1983 in Istanbul in einer solchen Wasserpfeifen-Gaststube. So wie damals sitze ich auch heute in einer prima Männerrunde. Dabei ist ein selbstständiger Handwerksmeister. Er hat sieben Mitarbeiter und seine Auftragsbücher quellen über. Kürzlich hielt ihn die Polizei auf der Straße an und er musste sich sonderbare Fragen anhören: „Wie können Sie sich so ein Auto leisten?“ Ernst schüttelt er den Kopf, nimmt einen Zug aus der Wasserpfeife und sagt dann: „Fragen die Beamten das auch einen Deutschen?“ Später begegnen uns auf der Straße zwei weitere grundsympathische Herren. Freudig begrüßen sie Ahmad Omeirat. Einer kam, so erfahre ich, im Alter von sechs Monaten aus dem Libanon nach Essen. Mit 17 Jahren hat er hier sein Abitur gemacht. Aber erst mit 21 hat er eine Arbeitserlaubnis erhalten. Heute arbeitet er bei einem internationalen Elektrokonzern. Und er mag seine anspruchsvolle Arbeit. Das merkt man. Doch neuerdings kommen Kollegen zu ihm und sagen Sätze auf, die sie in der Bild-Zeitung gelesen haben. Dabei geht es um arabische Clan-Kriminalität, das aktuelle Angstmacherthema. Ich habe mal nachgeschaut. Die Polizei notiert in ihren Datenbanken erstaunlich kümmerliche 0,3 Prozent Clan-Kriminalität. Diese winzige Zahl setzt sich übrigens auch aus Alltagsdelikten wie Kiffen zusammen. Auch interessant sind jene Zahlen: Etwa 6.000 Personenkontrollen und gut 3.000 Pkw-Kontrollen inklusive Insassendurchleuchtung hat die Polizei im zweiten Halbjahr 2018 im Kampf gegen Clan-Kriminalität in Ruhrgebietsstädten durchgeführt. Anschließend wurden wegen organisierter Kriminalität, denn um die geht es dabei, 0 – in Worten: null – Verfahren eröffnet. Kriminalistisch betrachtet, sind die erklärten „Nadelstiche“ des Innenministers also nichts als polizeiliche Ressourcen-Vergeudung. Nur seine PR-Abteilung und die Krawallpresse werden begeistert sein.

Am späten Abend führt mich Ahmad Omeirats zu seinen Eltern. Herzlich nehmen mich die lieben Leute auf. In ihrem Wohnzimmer wartet sogar ein Nachtlager auf mich. Aber selbst in diese freundliche Wohnung wabert das düstere Clan-Stigma hinein. Ahmad Omeirats Mutter bittet mich dazu um meine Meinung. Aufmerksam und mit klugen Augen hört mir die Frau zu. Am Ende fasst sie die bedrückende Situation in einen Satz: „Wenn nur der kleine Finger an der Hand schlecht ist, warum bestraft man dann die ganze Hand?“


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